¿Hola guiri, qué tal?

16. February 2016

Zugegeben: Dass Barcelona modisch, architektonisch und sportlich was auf dem Kasten hat, habe ich zu Beginn meines Praktikums nur geglaubt und natürlich gehofft. Spätestens jetzt, nachdem ich mich dann aber zehn Mal beim Joggen durch die Innenstadt verlaufen und fast nicht mehr nach Hause gefunden habe, kann ich all diese Attribute der Stadt bestätigen. Mittlerweile habe ich auch gelernt, dass statt sich selbst als „estudiante alemán“ zu bezeichnen auch einfach „guiri“ genügt: das Idealbild eines europäischen Touristen in Spanien, mit weissen Tennissocken, rotem Gesicht und Fotokamera inkl. Selfiestick in der Hand. Oft sind die Spanier aber dann doch etwas enttäuscht, wenn ich nicht ganz zu 100 Prozent dem deutschen Guiri-Vorbild ähnel. In meinem individuellen Einzelfall kommt nämlich noch „chipi“ hinzu: So nennen die Spanier hier meinen offensichtlich für alle sehr amüsanten Akzent, wenn ich spanisch spreche – eine Mischung aus Guiri und venezolanischem Dialekt, meinem eigentlichen Heimatland.IMG_3107

Mittlerweile sind also ca. sechs Wochen meines Praktikums rum, genau elf fehlen noch. Und selten so viel in so kurzer erlebt wie hier. Die vergangenen Wochen war ich auf einem Mandat in Sant Cugat eingsetzt, einem Vorort von Barcelona – quasi die hamburgische City Nord/Süd von Barcelona – ca. eine Stunde mit den Ferrocarilles entfernt, den barcelonetischen Regionalbahnen. Erstaunt war ich von den Securities an den Bahngleisen an meinem ersten Tag. Diese waren nicht vor Ort, um die rennenden Menschen davon abzuhalten in die bereits sowieso schon überfüllten Bahnen steigen zu lassen, sondern stattdessen höre ich nur ein: ¡Empujar señora, si no, no va a entrar! Quasi: Drücken Sie! Sonst kommen Sie nicht rein! Da wurde mir bewusst: Die nächsten 5 Wochen würden morgens äusserst sportlich werden. Die Prüfungsteams in Spanien sind insgesamt um einiges jünger als die deutschen. Nach dem ersten Uniabschluss beginnt in der Regel schon das Arbeitsleben für die Absolventen, der anschliessende Master wird dann berufsbegleitend absolviert. Freitagabends und samstags. Da die Prüferassistenten alle recht jung sind, kommt dann doch die ein oder andere Unterhaltung im Prüferraum zustande, die man in Deutschland so nicht erwarten würde.

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Insgesamt kann ich sagen, dass die Arbeit im spanischen Audit sich nur unwesentlich von der deutschen unterscheidet. Um in der Prüfungssprache zu sprechen: Die Abweichungen wären hier dann nur unter Sum. Einen ganz grandiosen Unterschied gibt es dann aber doch noch: Spanier lieben das Mittagessen und nicht selten werden zwei Stunden geopftert, um gemeinsam zu Mittag zu essen. Das kommt mir als allbekannter Essensliebhaber nur zugute. Gegessen wird aber spät, gerne gegen 14, 15 Uhr! Achtung: Niemals das Frühstück auslassen, sonst droht man (oder zumindest ich) zu verhungern. Besonders beliebt sind hier Mikrowellen-Fertiggerichte. In jeder Kantine eines Unternehmens findet man mindestens zwei Wände voll tapeziert mit Mikrowellen. Es existieren sogar Läden, die sich auf Mikrowellenessen spezialisiert zu haben scheinen. Das „Nostrum“ führt diese ganze Sparte vorne an. Mein Tip für euch: Holt euch direkt eine Kundenkarte bei Nostrum, und ihr bekommt Fertiggerichte für ganz wenig Geld – und an Nostrum werdet ihr hier nicht vorbeikommen. Zugegebenermassen musste ich mich auch etwas an die vielen Mikrowellen überall gewöhnen, aber habe sie mittlerweile tief in mein Herz geschlossen.IMG_2511 Beliebt sind auch die „Tupper“: Jeder kocht am Abend zuvor sein Mittagessen für den nächsten Tag und bringt es mit zur Arbeit. Mir fällt es persönlich immer äusserst schwer nicht alles direkt aufzuessen, was ich soeben gekocht habe. Die Tuper verlangen von mir also extreme Tapferkeit – aber bisher musste ich noch kein eigenes Mittagessen mit zur Arbeit nehmen. Wahrscheinlich würde ich in diesem Fall dann wohl alleine das nächstgelegene Nostrum aufsuchen. Da freitags das Mittagessen entfällt, weil gegen frühen Nachmittag schon Ende ist, wird meistens ein grösseres Frühstück veranstaltet. Als ich dann voller Motivation die Organisation übernommen und gefragt habe, wer denn Brötchen und wer Käse mitbringen würde, wurde ich schlichtweg ausgelacht. „Das ist typisch guiri“, habe ich zu Ohren bekommen und musste mich direkt wieder setzen. Spanisches Frühstück sind dann eher ein paar Dutzend Schoko- und Buttercroissants vom Bäcker. Jeder bringt so 5 Stück mit. Auch nicht schlecht, dieser kulturelle Unterschied. Siesta gibt es nicht, dafür aber die Reggeaton lastige Spotify-Playlist der Manager, die schon dafür Sorge trägt, das Mittags- oder in Spanien eher das Nachmittagstief zu überwältigen.

Es ist immer wieder herrlich, wenn man so überlegt, vor was für Herausforderungen ein Auslandspraktikum einen so stellt. Ich habe hier gelernt, die katalanische Sprache nicht mehr so auf die leichte Schulter zu nehmen wie anfangs: Ich auf der Suche nach den Umkleiden im Fitnessstudio, endlich eine Tür gefunden, auf der „Vestui Dones“ stand. Meine Gedanken wirbeln und ich überlege in windeseile „Vestui (katalanisch) = vestir (spanisch) = anziehen“. Soweit so gut. Und dann „Dones (katalanisch) = Don, señor (spanisch) = Mann“ – für mich äusserst logisch. Bei letzterem lag ich aber leider völlig daneben und ich war aus der Umkleide genauso schnell wieder draussen, wie ich drin war. Übrigens: Dones (katalanisch) = Frau, das weiss ich mittlerweile nun auch.

Wer noch nicht sportlich ist, der wird es spätestens nach seinem Praktikum in Barcelona sein. Vergesst eure Laufschuhe nicht! Das beste Sightseeing erlebt man laufend: Avenida Diagonal – Sagrada Familia – Arc de Triomf – Parc de la Ciutadella – Playa de la Barcelonate – Porte Velle – Las Ramblas – la Cathedral del barrio Gótico – Passeig de Gracia – back home. Und alles in weniger als 12 km. IMG_2848An dieser Stelle auch noch zwei grandiose Tips von mir für euch: Seid ihr das Skaten und Longboardfahren einigermassen mächtig, so tut euch selbst einen Gefallen und vergesst euer Board nicht! Barcelona ist in Richtung Strand bergab gelegen, man lässt sich einfach Rollen und in weniger als zehn Minuten ist man am Strand (dass man das ganze irgendwie dann auch wieder bergauf rollen muss, fällt einem hoffentlcih erst dann ein, wenn es soweit ist…). Ist Skaten und Laufen jedoch nichts für euch, so meldet euch beim Bicing an: Öffentliche Fahrräder an jeder Ecke, die man sich jederzeit für 30 Minuten ausleihen kann. Einfach grandios!  Hat mir schon einige Male das Leben gerettet, da sie wirklich überall an jeder Ecke der Stadt zur Verfügung stehen. An dieser Stelle nochmal vielen lieben Dank an meinen Erasmus-Kumpel Lukas!IMG_2474

Da am Wochenende etwas Zeit verbleibt, die Stadt zu erkunden: Lernt Einheimische kennen, Spanier sind äusserst freundlich und aufgeschlossen, wenn ihr das auch seid. Die wirklich richtigen Hotspots der Stadt kann euch nämlich kein Reiseführer der Welt verraten, sondern nur jemand, der sein ganzes Leben lang in der Stadt gewohnt hat. Etwas komplexer wird es, wenn man zutiefst überzeugte Katalanen nach dem Sinn der Unabhängigkeit fragt. Das kann durchaus auf eine sehr tiefe und emotionale Unterhaltung hinauslaufen. Das also erst lieber dann, wenn man sich besser kennt.

Die nächsten Wochen werde ich bei einem neuen Mandanten mit einem ganz neuen Team eingesetzt werden. Da wird mich bestimmt mindestens genauso viel erwarten, wie bisher. Was die Anne, Verena und ich in Madrid alles erlebt haben, erzählen euch die beiden ganz bald IMG_3193hier in ihrem Pwc-Stairway Blog.

Meine aktuell gültige Bankkarte habe ich übrigens in meinem Tagebuch gefunden. Ein lustiges Lachen habe ich von mir gegeben, als ich mal wieder was Aufschreiben wollte und dann die Karte einfach so heraus fiel. Die Lektion hieraus: Unabhängig wohin man reist, bestimmte Eigenschaften behält mein sein Leben lang bei.

Warum man zum Feiern in Barcelona aber in den meisten Fällen einen etwas anderen Dresscode wählen sollte, als in Berlin oder Hamburg, oder warum ich meinen Kühlschrank auf den Balkon stellen musste über das Wochenende, das erfahrt ihr ganz bald hier in meinem nächsten Eintrag!
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PS: Bei 23 Grad im Februar am Strand oben ohne sonnen, check! (bitte Prüferhaken setzen, ” ü ” in Wingdings-Schriftart)

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